Leserbrief an die FAZ

Betr. „Katalonien bleibt in Spanien“ vom 13.02.13.

 

 

Europa kann jubeln. Jetzt hat es in der Person des spanischen Ministerpräsidenten Rajoy ein neues Orakel von Delphi, das hellseherisch in die Zukunft sehen kann: Katalonien wird in Spanien bleiben und die „immense Mehrheit“ der Katalanen wünscht nicht, nicht mehr Spanier zu sein. Toll. Jetzt, als Seher vom Dienst, sollte er auch seinen europäischen Kollegen verraten, wie man die Finanzkrise überwinden kann und soll. Die wären ihm bestimmt dankbar. Nur: seiner diesbezüglichen Vorhersage wäre so wenig zu trauen wie der über Katalonien.

 

Über die Wünsche der Mehrheit der Katalanen kann weder Herr Rajoy noch irgendein Politiker -sei er Spanier oder Katalaner- verfügen. Der einzige Weg es zu erfahren, ist der einfache und demokratische Weg eines Referendums, Volksbefragung oder Volksentscheid, egal wie man es nennen will. Wenn Herr Rajoy von dem Willen der „immensen Mehrheit der Katalanen“ so überzeugt ist, warum weigern sich die spanischen Politiker, eine solche Befragung zu erlauben? Einfach weil ihnen mit jedem Tag klarer wird, dass die Mehrheit der Katalanen etwas ganz anderes will und das Vertrauen in die spanische Politik vollkommen verloren hat; dass die Katalanen die Arroganz der spanischen Politiker, die kein Respekt für die anderen Völker des Staates kennt, satt haben, genauso wie das Unvermögen der spanischen Regierungen, das Geld der Bürger sinnvoll zu verwenden.

 

Wenn Herr Rajoy sagt: „Mit Katalonien eint uns alles, Jahrhunderte Geschichte, etc.etc.“ blendet er aus, daß diese Geschichte alles andere als ein einender Faktor gewesen ist. Es gab drei Kriege mit verheerenden Folgen für Katalonien (1640-50; 1711-14; 1936-39), dazwischen verschiedene Bombardierungen Barcelonas durch die spanische Armee, die schwerste um 1840, und ständige Repressionen, Sprachverbote, wirtschaftliche Ausbeutung, und, und, und.

 

Und trotz alledem hätte Spanien eine Chance gehabt, sich mit Katalonien zu versöhnen und im spanischen Staatsverband zu behalten, wenn die Politiker in Madrid das Autonomiestatut, das vom katalanischen Parlament Ende 2005 mit 90 % der Stimmen verabschiedet wurde, ohne Abstriche akzeptiert hätten. Das Statut wurde aber , bei voller Missachtung des Willens der katalanischen Bevölkerung, bis zur Unkennlichkeit verwässert und damit eine einmalige Chance vertan. Seitdem ist die Unabhängigkeitsbewegung zu ihrer jetzigen Kraft unaufhaltsam gewachsen und kann nur mit undemokratischen Methoden gebremst werden.

Die Hellseherei von Herrn Rajoy wird sich demnächst als das erweisen, was sie ist: als Pfeiffen im Walde, als Wunschdenken und als ein verzweifeltes Zudrücken der Augen, weil nicht sein kann was nicht sein darf. Und nichts anderes.

 

Pere Grau (Hamburg)

Assemblea Nacional Catalana Deutschland – Sektion Berlin

 

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