Kataloniens Menschentürme – Festungen der Unabhängigkeit

Jetzt im Sommer halten viele Dörfer und Städte in der autonomen Region Katalonien ihre Patronatsfeste ab. Und da dürfen die sogenannten „Castells“, das Sinnbild katalanischer Kultur, nicht fehlen: haushohe Türme aus

wagemutigen Menschen, die Kleinsten ganz oben. Da Katalonien von Spanien nichts wissen und sich lieber lossagen will, werden diese Feste oft als Demonstration für die Unabhängigkeit Kataloniens benutzt, besonders im ländlichen Raum. Kritiker werfen den Separatisten vor, dass sie kulturelle Symbole wie etwa die „Castells“ für sich okkupieren. Das sei nicht zulässig. Und so wird auch mit Ikonen, Fahnen und Plakaten Politik gemacht.

Akrobatik als politisches Statement

Ein Katalane in seinem Element – Xavi Torrabadella hat ein Kind geschultert und zieht mit seiner Truppe auf den Rathaus-Platz von Berga. Der 36-Jährige macht sich Mut – hier wollen sie gleich einen hohen Turm aus Menschen bauen. Xavi hat vor zwei Jahren diesen Verein in Berga gegründet. „Das Schöne ist, dass wir alle ein gemeinsames Ziel haben“, sagt er. „Wir fühlen den Körper der anderen, die Emotionen, die Euphorie.“

Und so suchen sie das Gemeinschaftsgefühl und bilden dicht gedrängt die menschliche Plattform. Einer von ihnen ist auch Xavi. Vorsichtig klettern sie aneinander hoch, während unten tatkräftig stabilisiert wird. Eine Höhe von mehr als acht Metern erreicht dieses „Castell“ mindestens. Nach ganz oben klettern die ganz Kleinen – anscheinend völlig furchtlos. „Gemeinsam können wir das Unmögliche schaffen“, das ist ihr Motto.

Xavi erklärt, dass er sich schon immer als Katalane und nicht als Spanier gefühlt hat. Er arbeitet für die katalanische Regionalregierung – und die meisten seiner Kollegen denken wie er. Spanien und Katalonien lebten doch wie in einer Zwangsjacke miteinander – ein Erbe der verhassten Franco-Diktatur. Sie wollen unbedingte Eigenständigkeit, gerade auch im wirtschaftlichen Bereich. „Wären wir unabhängig, könnten wir selbst über unsere Steuern verfügen und entscheiden, wie wir sie verteilen. So könnten wir in wenigen Jahren die Krise überwinden“, sagt Xavi.

Volksabstimmung im September

Die Zahl der Unabhängigkeits-Befürworter unter den 7,5 Millionen Katalanen ist in den letzten Jahren stetig gewachsen. Am 11. September dieses Jahres haben sie ihr eigenes „9/11“, wie sie es nennen. Dann ist eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit von Spanien geplant. An einem Tag mit historischer Bedeutung: Vor dann genau 300 Jahren wurden die Katalanen von den Bourbonen besiegt. Zum Trotz wollen sie nun in Barcelona ein riesiges „V“-Zeichen aus mehr als einer Million Menschen bilden.

Eine Uhr am Rathaus in Berga zählt die Tage und Stunden bis zur Volksabstimmung über die Unabhängigkeit.

Der Countdown bis zur Volksabstimmung über die Unabhängigkeit läuft.

Die Gemeinde Berga unterstützt das Referendum über die Unabhängigkeit, das Kataloniens Regierung abhalten will – obwohl Madrid es für illegal erklärt hat. Am Rathaus zählt eine Uhr Tage und Stunden bis zur Abstimmung. Fast jedes Wochenende gibt es Demonstrationen. Kritiker findet man nicht so einfach – die in Spanien regierende Partido Popular hat in Berga wohl ein Büro, aber ohne Namensschild.

Joan Antoni López ist der einzige Stadtrat, der sich offen gegen die Unabhängigkeit ausspricht. Zweimal ist er bereits tätlich auf der Straße angegriffen worden. Gerade in kleinen Städten sei die Lage sehr angespannt, der Druck der Befürworter auf Abweichler nehme immer mehr zu. „Wenn es in einer Straße viele Aufkleber für die Unabhängigkeit gibt, und ich habe keinen, dann werden viele glauben, dass ich dagegen bin. Also bringen viele Leute Fahnen und Aufkleber an, nur um keine Probleme zu bekommen. Dieser Stimmung begegnen wir täglich“, sagt der Stadtrat.

Immer mehr katalanische Turmbauer

Die Unabhängigkeitsfrage spaltet. In Xavis Castell-Gruppe üben schon die Kleinsten akrobatische Figuren, und lernen so spielerisch ihre katalanische Kultur kennen. Und die wird immer beliebter: die Zahl der Turmbauer hat sich in wenigen Jahren verdoppelt. „Die Türme kommen von hier, sie sind Weltkultur-Erbe und sie verkörpern unsere kat

Übung macht den Meister – das gilt fürs Türme-Bauen wie auch für die Politik – und so werden die Castells von Katalonien zum Zeichen für die hochfliegenden Träume einer ganzen Region. Das Gemeinschaftsgefühl schweißt sie zusammen. In Berga und anderswo glauben sie fest daran, das Unmögliche erreichen zu können – auch die Unabhängigkeit.alanische Identität“, sagt Xavi.

Autor: Stefan Schaaf, ARD-Studio Madrid.

 

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