Betr. „Katalonien: EU muss Alternativen zur Unabhängigkeit aufzeigen“

An der Tagesspiegel. Chefredaktion.

Betr. „Katalonien: EU muss Alternativen zur Unabhängigkeit aufzeigen“. Vom 11.11.14

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Der Artikel von Fr. Prof. Sabine Riedel enthält leider viele Irrtümer, die im Wesentlichen aus zwei Gründen entstanden sind. Der erste Irrtum basiert auf den Schwierigkeiten, die jeder rational denkende Mensch damit hat, die unbegreifliche Irrationalität zu verstehen, die allzu oft die Politik der spanischen Zentralregierungen kennzeichnet. Der zweite Grund ist das Vertrauen der Autorin in spanischen Quellen, die alles andere als sachlich und vertrauenswürdig sind, sondern eine propagandistische Verdrehung der Tatsachen.

Die Einwände im Einzelnen:

Fr. Prof. Riedel meint, dass die Wähler weder von katalanischer noch von spanischer Seite genug informiert wurden. Dazu folgendes: in Katalonien fanden schon seit Monaten Land auf Land ab unzählige Veranstaltungen statt, in denen Wirtschaftsfachleute mit der Bevölkerung über die Perspektiven der Unabhängigkeit sprachen, und insbesondere über die Angstargumentationen der spanischen Seite sachlich diskutiert wurde. Bei der spanischen Seite waren aber die Ultranationalisten die Meinungsbestimmenden, die jetzt auch dem spanischen Regierungschef nicht etwa vorwerfen, dass er den Katalanen keine konstruktive Alternative vorgeschlagen hätte, sondern, im Gegenteil, dass er zu „weich“ wäre und schon längst viele katalanischen Politiker ins Gefängnis hätte sperren sollen. Die Regionalregierung hat sich keineswegs „über Recht und Gesetz hinweggesetzt“. Sie hat vielmehr ein Befragungsgesetz, dass auch andere spanischen Regionen haben und das verfassungskonform ist, angewendet. Wir meinen, die spanische Seite ist diejenige, die das Gesetz willkürlich gebeugt hat. Es gab 5 verschiedene Wege sogar ein bindendes Referendum mit der Verfassung in Einklang zu bringen. Das haben die spanische Regierung und das Verfassungsgericht (das alles andere als unabhängig ist) ignoriert.

Prof. Riedel zitiert, sozusagen als Kronzeuge für ihre Thesen die „Katalanischen Bürgergesellschaft“ (SCC) und das von dieser an Prof. Ferran Brunet in Auftrag gegebenen Gutachten. Übereinstimmend werden dort alle Katastrophen der Welt für ein unabhängiges Katalonien vorausgesagt. Dieses Gutachten ist von A bis Z Unfug. Professor Brunet, genau wie alle anderen Mitglieder dieser kleinen Gruppe spanischer Ultrarechten haben als Verbündete faschistische und xenophobe Parteien (PxC, Falange, etc.). In Deutschland würden sie der NPD oder den Neonazi Kameradschaften angehören. Die meisten der führenden Leute der SCC haben eine bewegte Vorgeschichte mit Mitgliedschaften in rechtsextremen Parteien wie die PENS (Spanischer Nationalsozialistischer Partei), Fuerza Nueva (Neue Kraft: radikaler Franco Anhänger) und andere ähnliche Vereine. Es ist sehr Schade, dass eine seriöse Wissenschaftlerin wie Prof. Riedel in diese Falle geraten ist.

Zu behaupten, dass Spanien Katalonien vor dem Bankrott gerettet hat, ist grotesk. Die Überschuldung Kataloniens (auch wenn die spanischen Regierungen das immer verneint haben, ohne Gegenbeweise präsentieren zu können) kommt von der übermäßigen Abschöpfung der katalanischen Mittel durch die Zentralregierung.

Dass Katalonien einen Beitrag zum spanischen Länderfinanzausgleich leisten musste, ist nie in Frage gestellt worden. Aber wenn man z.B. berücksichtigt, dass zwischen 1986 und 2006 die Differenz zwischen der Menge der an Madrid abgeführten Steuern und die von Madrid in Katalonien ausgeführte Investitionen insgesamt mehr als 200 Milliarden betrugen (jährlich zwischen 8 und 12 % des katalanischen BIP), also mehr als die Subvention der EU im selben Zeitraum (176 Milliarden), kann man erkennen woher die jetzige katalanische Verschuldung von 61 Milliarden kommt. Madrid hat nicht Katalonien vor dem Bankrott gerettet sondern die kritische katalanische Lage selbst verursacht, und sich damit ins eigene Fleisch geschnitten, denn Katalonien kann nicht weiter der Wirtschaftsmotor für Spanien sein, der er einmal war und unter anderem Umständen, hätte weiter sein können. Dies ist einer vieler Gründe weshalb so viele Katalanen glauben, dass alles besser ist, als ein Teil Spaniens zu bleiben.

Wir Katalanen haben keineswegs die Absicht die Vorreiter einer europäischen Fragmentierung zu sein. Wir hätten nicht mal die Absicht unabhängig zu sein, wenn Spanien sich nicht geweigert hätte die lange Liste der Missachtungen Kataloniens zu beenden und eine einvernehmliche Lösung wie es der Autonomiestatut von 2006 war zu akzeptieren. Jedes Land muss für sich selbst entscheiden, wie es mit seinen Volksgruppen und möglichen Konflikten zurechtkommt, und vor allem die Regierungen haben die Aufgabe und die Pflicht, die Bevölkerung zu integrieren und gerecht zu behandeln, denn dann spüren die Bürger keine Notwendigkeit für eine Spaltung. Das ist in Wirklichkeit Integration und nicht so wie es in Spanien gemacht wird, gegen ein Volk, wie das Katalanische, zu hetzen, sondern es zu respektieren und anzuerkennen, mit all seinen Besonderheiten. Kanada und Großbritannien haben einen demokratischen Weg gewählt, um ihre Konflikte zu lösen, Spanien einen autoritären unversöhnlichen. Die Ergebnisse sind dementsprechend anders.

Prof. Riedel bemerkt (lobend?), dass Valencia und Aragonien ihre regionalen Dialekte des katalanischen einen anderen Namen gegeben haben. Damit haben sie sich aber nur lächerlich gemacht, da sich die internationalen Linguisten schon seit immer der Zugehörigkeit zur katalanischen Sprache einig sind. Die Namensänderung ist nichts anderes als eine politische Manipulation, und einer unter tausenden absurden Angriffen mehr zur Katalanischen Sprache, die nicht zuletzt die genannten regionalen Dialekte trifft. All dies kommt von Menschen, die nicht die Vielfalt akzeptieren und respektieren oder sogar fördern können, sondern nur eine homogene Gesellschaft nach ihrem Muster wünschen. So verstehen sie Integration, obwohl es eigentlich nur zur Abspaltung führt. Zu diesem Thema, über das Fr. Riedel offensichtlich auch nicht aus vertrauenswürdigen Quellen informiert wurde, kann sie sich gerne an die vielen Professoren der deutschen, österreichischen und schweizerischen Universitäten wenden, die Experten in romanischen Sprachen sind, und auch des Katalanischen. Diese werden ihr gerne darüber wissenschaftliche Auskunft geben, z.B. Prof. Tilbert Stegmann (Frankfurt), Prof. Georg Kremnitz (Wien), Prof. Claus Pusch (Freiburg), Prof. Roger Friedlein (Bochum), Prof. Johannes Kabatek (Zürich), Hans-Ingo-Radatz (Bamberg) um nur einige Namen zu nennen. Hier aber einen Link, dort geht es genau um die Namensänderung der Katalanische Sprache in Aragonien seitens der Politiker und die Proteste der internationalen linguistischen Autoritäten (http://www.roldedeestudiosaragoneses.org/manifiesto-de-la-comunidad-cientifica-internacional-a-favor-del-reconocimiento-y-dignificacion-de-las-lenguas-minoritarias-de-aragon-93/)

Darüber hinaus ist es falsch, dass die Grenzen eines etwaigen katalanischen Staates nicht fest stehen. Es werden die Grenzen der jetzigen spanischer Region Katalonien sein. Die kulturelle Zusammengehörigkeit zu den anderen Ländern in denen katalanisch gesprochen wird, ist eine Sache, eine politische Zusammenführung aber eine ganz andere. Darüber haben die Bewohner Kataloniens nicht zu bestimmen und wollen es auch nicht. Es ist die jeweilige Bevölkerung von Valencia und der Balearen di zu bestimmen hat, wie ihre Zukunft auszusehen wird. Und momentan gibt es in diesen Ländern keine soziale Mehrheit für eine Unabhängigkeit von Spanien. Ein unabhängiges Katalonien würde selbstverständlich weiterhin mögliche Attacken und Diskriminierungen der katalanischen Sprache in diese Territorien international anprangern, so wie es jetzt und immer gemacht wurde. Nichts anderes als das was Österreich in Bezug auf Südtirol, oder Ungarn in Bezug auf Siebenbürgen getan haben.

Wir wären Ihnen sehr verbunden wenn Sie unsere Einwände an Prof. Riedel weiterleiten würden mit dem Vermerk, dass wir ihr jederzeit für weitere Informationen zur Verfügung stehen, und uns über einen Feedback freuen würden.

 

Mit freundlichen Grüßen

ANC Deutschland

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