Zur Verteidigung von Carles Rahola und Carles Puigdemont

Ignasi Aragay

(Der Originalartikel auf Katalanisch ist am 11.01.2015 in der Tageszeitung ARA aus Barcelona erschienen.)

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Ich war sehr bewegt, als ich erneut das 1999 erschienene Buch von Josep Benet „Carles Rahola, hingerichtet“ las. Es hat mich traurig und wütend gemacht. Auf der einen Seite aufgrund der großen Ungerechtigkeit, dass Franco am 15. März 1939 diesen friedfertigen Menschen erschießen ließ und auf der anderen Seite aufgrund des verachtungswürdigen Gebrauchs, den so manche Medien und Politiker von seinem Andenken gemacht haben. Wie können sie es nur wagen? Wissen sie überhaupt, wer Carles Rahola war, was er dachte, was er tat? Man kann die Demokratie nicht auf Grundlage der Lüge und des Vergessens verteidigen. Man kann die Demokratie nicht verteidigen, indem man das Bild eines friedlichen Demokraten verdreht, der eine tiefe Menschlichkeit an den Tag legte und ein Beispiel ziviler Toleranz war, wie andere Persönlichkeiten bezeugt haben, von Josep Pla bis Tomàs Garcés, und was auch die fehlgeschlagenen Versuche einiger erklärter Franco-Anhänger bestätigen, die – vermeintlich legale – Ermordung Raholas zu verhindern, zum Beispiel des Historikers Ferran Valls i Taberner, des damaligen Zivilgouverneurs in Girona Antonio Correa Veglison, des Bürgermeisters von Barcelona Miquel Mateu Pla oder des Bischofs Josep Cartaña.

Es war alles vergebens: Der „Caudillo“ (der „Führer Franco“) unterschrieb die Kenntnisnahme des Urteils. Während des Standgerichts – einer Farce ohne die geringste juristische Garantie – spielte es keine Rolle, dass Rahola während der Kriegsjahre das Leben vieler Geistlicher gerettet hatte. Er wurde zum Tode verurteilt wegen etwas, dass er nicht war: ein „Separatist“. Unter den belastenden Beweisen war auch der Artikel, der jetzt auf verlogene Weise verwendet wird, um den neuen Präsidenten der Generalitat, Carles Puigdemont, ein Mann, der Girona und Katalonien genauso liebt, wie es Rahola tat, anzugreifen. Rahola, Republikaner und linksorientierter Katalanist, gläubig, gemäßigt, ein Gelehrter und Familienmensch, war niemals Mitglied einer Partei gewesen, aber er war vor allem ein vortrefflicher Mensch. Sogar der Vorsitzende des Militärgerichts hatte sich in einer in jener Zeit ungewöhnlichen Geste persönlich gegen das verhängte Urteil ausgesprochen.

Als Mitglied der Königlichen Akademie der Geschichte in Madrid und der Akademie der Schönen Literatur in Barcelona, und von Revolution und Krieg bedrückt, hatte Rahola in jenen Kriegsjahren praktisch nichts mehr in der Presse veröffentlicht. Er hatte sich in seine Arbeit, in die Archive und sein Zuhause zurückgezogen. Mit seinem Charakter, getragen von der Ideen von Eintracht und Frieden, hatten ihn die Ereignisse erschüttert. Er veröffentlichte bis auf zwei Ausnahmen lediglich einige geschichtswissenschaftliche Texte.

Als Francos Luftwaffe (die mehrheitlich mit italienischen und deutschen Piloten bemannt war) im Jahr 1938 die Bombardierungen intensivierte, brach er wegen jenes Kriegsschreckens sein Schweigen. Am 8. Februar 1938 veröffentlichte er in „L’Autonomista“, einer Zeitung aus Girona, die von seinem Bruder Darius geleitet wurde, den Artikel „Bunker und Gärten“, worin er das Verschwinden eines Kindergartens bedauerte, an dessen Stelle ein Schutzbunker gebaut werden sollte. Und am 6. August desselben Jahres schrieb er „L’Heroisme“ (das Heldentum) unter Verwendung des Vorworts, das er selbst für die Übersetzung des gleichnamigen Werks Maeterlincks geschrieben hatte. Darin, wie Josep Benet erzählt, beschrieb er das heldenhafte Verhalten des belgischen Volkes während der Invasion seines Landes durch das deutsche Heer im Ersten Weltkrieg. Der Artikel endete mit einem kurzen Hinweis auf den Krieg, welchen die Völker des spanischen Staates erleiden mussten.

Dort hieß es: „Die Deutschen, gemeinsam mit den Italienern, führen heute auf gleiche Weise die methodische und systematische Zerstörung Kataloniens und seiner Schwesterländer durch. Und heute wie gestern ist unsere Hoffnung auf Befreiung fest und innig. Die Invasoren werden aus Katalonien vertrieben werden, wie sie auch aus dem friedlichen Belgien vertrieben wurden, und unser Land wird unter der Republik wieder durch den Frieden und die Arbeit Herrin ihrer Freiheit und ihres Schicksal sein.“ Der letzte Teil des Zitats wurde jetzt – völlig aus dem Zusammenhang gerissen – gegen Puigdemont verwendet. Es erübrigt sich jeder Kommentar, nicht wahr? Die beiden genannten Artikel dienten als Hauptbeweise, um Rahola erschießen zu lassen.

Rahola hatte 1934 eine historische Monographie über die Todesstrafe in Girona im 18. und 19. Jahrhundert geschrieben. Sie endete wie folgt: „Wir müssen darum bitten, aus Gefühlen der Menschlichkeit und des christlichen Geistes, […] dass der Galgen in unserem edlen und geliebten Girona nie mehr aufgebaut wird.“ Zwei Jahre später gab es erneut Hinrichtungen (drei Militärs, die der Beteiligung an der franquistischen Erhebung angeklagt waren). Während des Krieges gab es noch fünfzehn weitere Erschießungen. Am Anfang der franquistischen Diktatur waren die Hinrichtungen unzählig. An einem einzigen Tag wurden 69 Hinrichtungen gezählt. Stunden vor seiner Hinrichtung schrieb Rahola, 58 Jahre alt, an seine Familie: „Vielgeliebte Rosa, meine geliebten Kinder Ferran, Maria und Carolina. Ich nehme Abschied von Euch für die Ewigkeit. Ihr alle wisst, dass mein Leben rein und voller Licht ist. Ihr alle wisst, wie ich in Ehrlichkeit gelebt habe, wie ich mit Hingabe gearbeitet habe, mit welcher Intensität ich euch geliebt habe. Ich gehe ruhig und heiter ins Jenseits. Ich glaube, dass ich keinen Feind zurücklasse in diesem Land, dem wunderschönen Katalonien, das ich so sehr verehrt habe, und auch nicht innerhalb oder außerhalb meines geliebten Girona.“ Wir sollten Respekt vor diesem großen Mann haben.

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